Mein Lebensweg

BISS

„Mein Lebensweg ist das, was man wohl Facettenreich nennt. Ich habe als Erzieherin in einem sozialen Beruf angefangen. Dabei habe ich das Spektrum, das mal als Erzieherin abdecken kann, weitgehend abgedeckt. Und trotzdem habe ich relativ schnell festgestellt, dass es das für mich nicht gewesen sein kann.

Über den zweiten Bildungsweg habe ich das Abitur nachgeholt, Germanistik studiert und wurde darin auch promoviert. Mein Studium finanzierte ich als Pförtnerin mit Sonderaufgaben in einer „Städtischen Unterkunft zur Vermeidung von Obdachlosigkeit“. So hieß das damals. Nachts habe ich dort gearbeitet und meine Hausarbeiten geschrieben, tagsüber studiert. Nach dem Studium war ich Lektorin und später Programmleiterin in diversen Verlagen. Als ich irgendwann endlich wieder selber zum Schreiben gekommen bin, wollte ich die soziale oder politische Herkunft mit meiner journalistischen Arbeit verbinden. Und so kam ich zur BISS.

Ich bin Chefredakteurin bei BISS und mache das halbtags. Die andere Hälfte arbeite ich in einem Verlag und betreue dort Ratgeberbücher.

Mein Anspruch ist es, dass die Verkäufer, die mit BISS ihren Lebensunterhalt verdienen, das nicht mit irgendeinem Heft tun müssen, sondern mit Qualitätsjournalismus. Manchmal ist es ein harter Job, die BISS zu verkaufen. Gerade im Winter stehen die Verkäufer oft stundenlang in der Kälte; die Menschen huschen vorbei und bleiben nicht stehen, um eine Zeitung zu kaufen. Deshalb sollen die Verkäufer die BISS mit Stolz und Selbstbewusstsein verkaufen können, etwas, was die 2,20 EUR auch wert ist.

Und natürlich will ich BISS mit ihrer Auflage von bis zu 60.000 auch nutzen, um etwas zu transportieren. Viele der Themen überlege ich mir oder sie entwickeln sich in der Themenkonferenz. Einmal im Monat bringen ehrenamtliche Berater ihre Gedanken und ihr ganzes Herzblut bei der Themenfindung ein. Dabei wird viel und manchmal auch kontrovers  diskutiert.

Ich glaube, dass es in München viele Menschen gibt, die sich in einer schwierigen Situation befinden, aber nicht wissen, dass es auch für ihr Problem Hilfsangebote gibt. Für solche Themen ist die BISS ideal. Wenn Sie die BISS unter diesem Gesichtspunkt anschauen, werden Sie feststellen, dass immer Adressen, Kontakt oder Anknüpfungspunkte mit abgedruckt sind. Wir greifen unterschiedlichste Themen auf, die im normalen Journalismus einfach keinen Platz haben. Und die Leserresonanz zeigt deutlich, dass es Menschen gibt, denen wir tatsächlich helfen können.

Es gibt immer wieder Geschichten, die ganz besonders hängen bleiben. Beispielsweise die Geschichte über verwaiste Eltern (in der Ausgabe „Abschied nehmen“ November 2016) , die die Journalistin Gabriela Herpell geschrieben hat. Oder das Interview mit Daniel Wildt. („Leben mit MS“, Ausgabe Februar 2018)
Erst kürzlich kam eine Leserbrief-Mail von einer Frau, die meinte, dass sie die Geschichte zu Tränen gerührt hätte. Wenn wir es schaffen, die Leser zu berühren oder sie nachdenklich zu machen ohne diesen – nennen wir es mal – Emotions-Journalismus zu betreiben, dann ist das großartig. Man muss den Menschen immer möglichst respektvoll begegnen, meine Aufgabe ist es, Journalisten auszuwählen, die zum jeweiligen Thema passen und das auch vermitteln können.

Spannend ist auch, wo die Artikel dann auftauchen: Es gab mal einen Artikel über Therapiehunde, der in einem Italienischkurs an der Volkshochschule behandelt wurde. Das finde ich eine interessante Form von Streuung, denn so bekommen wir auch Zugang zu Lesern, die wir vielleicht sonst nicht erreichen würden.

 

Ich hab zwar schon für die Rosa Liste für den Stadtrat kandidiert, gehöre aber keiner politischen Partei an.
Aber natürlich ist die BISS kein unpolitisches Projekt. Wir können auf eine ganz besondere Art Politik machen und entsprechend Themen platzieren. Im Herbst sind Landtagswahlen in Bayern und da überlegen wir uns sehr gut, welche Themen wir bis dahin ansprechen wollen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich als Reisejournalistin durch die Welt ziehen und Reportagen über soziale Themen aus aller Welt schreiben. Das könnte ich mir gut vorstellen. Ich mach es schon so gut es geht, aber das ist dadurch limitiert, dass hier jeden 15. Abgabetermin ist. (lacht) Wenn möglich, dann versuche ich in meinem Urlaub Kollegen anderer Straßenzeitungen in fernen Ländern zu besuchen. Dabei finde ich das ausgesprochen spannend zu schauen, wie die Straßenzeitungen in Osaka, in Kapstadt oder in Montreal funktionieren. Dabei fasziniert es mich zu sehen, wie groß und facettenreich die Welt ist. So kann ich mich immer wieder irritieren und verwundern zu lassen.

Wenn man sich München anschaut, dann ist München eine reiche Stadt. Wenn man die vielen Leser sieht, die die BISS schon viele Jahre kaufen, lesen und vielleicht sogar für die Zeitung spenden, dann ist München aber auch eine sehr großzügige Stadt. Das zeigt sich auch immer wieder bei Diskussionen mit Straßenzeitungs-Kollegen aus anderen Ländern: die Kollegen aus Japan erzählten beispielsweise, dass es dort kaum eine Spenden- oder Wohltätigkeits-kultur geben würde. In München gibt es Menschen mit sehr wenig Geld, aber es gibt eben auch Menschen, die Geld haben und die bereit sind, etwas davon abzugeben.

Ich komme selbst aus München und ich mag München sehr. Es gibt ein paar Orte, mit denen ich mich ausgesprochen verbunden fühle: Zum Beispiel das Dantebad oder der Nymphenburger Schlosspark. Die Stadt ist schön, die Stadt ist manchmal anstrengend, aber die Stadt hat eine unglaubliche Infrastruktur. Alleine die Stadtbüchereien. Ich bin ein ganz großer Fan der Stadtbibliothek Neuhausen. Freiwillig würde ich nicht von hier wegziehen.
In München kann man meines Erachtens ein sehr individuelles Leben führen, und wird dabei in Ruhe gelassen. München ist im Vergleich zum Rest Bayerns eine liberale Stadt. Es gibt eine lebendige Subkultur in München und es gibt auch ausgesprochen lustige Begebenheiten. Ich mag München. Ich lebe hier ausgesprochen gern.“

Vielen lieben Dank für das spannende Gespräch! Margit Roth ist seit 2016 Chefredakteurin bei der BISS – dem Magazin für, über und mit „Bürgern in Sozialen Schwierigkeiten“. Ich bin selber treue Leserin dieses tollen Magazins, das Obdachlose bzw. eben Menschen in Sozialen Schwierigkeiten in München an vielen Stellen verkaufen. Ich kaufe die Zeitung nicht nur gerne, weil ich weiß, dass die Verkäufer so wieder auf die Füße kommen können, sondern ich lese sie tatsächlich sehr gerne wegen der interessanten Artikel. Und es war mir eine Ehre, die Frau kennenzulernen, die für den Inhalt hauptsächlich verantwortlich ist.

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