Familie

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„Als ich vor 6 Jahren nach Deutschland gekommen bin, konnte ich kein Wort Deutsch. Dadurch bin erst mal in eine Übergangsklasse gekommen. Da landen alle, die kein Deutsch können und dort wird dir dann erst mal die Sprache beigebracht. Schon nach Weihnachten, also nur ein paar Monate später, konnte ich die ersten kleinen Unterhaltungen führen. Da bin ich wirklich unendlich dankbar dafür. Die Lehrerin war sehr streng, aber das muss eben auch manchmal sein. Sie hat uns auf jeden Fall super Deutsch beigebracht. 
Es gab dann noch ein zweites Jahr, in dem man noch intensiver die Sprache gelernt hat, aber in dem auch noch mehrere Fächer dazu kamen: wie Mathe, Biologie und so weiter. Bei Mathe haben wir teilweise nur die Grundsätze wie Plus und Minus gelernt. Für mich war das alles selbstverständlich, weil ich aus der EU komme und vorher in der Schule war. Aber einige andere, die z.B. aus dem Irak kamen, waren noch nie vorher in der Schule und für die waren diese grundsätzlichen Sachen wirklich nötig. Für die Lehrer war das eine große Herausforderung, da die Niveaus in der Klasse sehr stark variiert haben. Man wird ja nicht getestet, was man sonst noch für Vorkenntnisse hat, sondern nur wie gut du Deutsch kannst. Sobald du kein Deutsch kannst, wirst du in die Übergangsklassen rein geschmissen. 
 
Je nachdem, wie ambitioniert du dann bist, kannst du danach weitermachen. Ich wusste von Anfang an, dass ich studieren möchte. Und jetzt nach 6 Jahren in Deutschland konnte ich vor kurzem endlich anfangen. Das war ein langer Weg, aber ich habe es geschafft. Das finde ich echt super an Deutschland: es gibt so viele Möglichkeiten, dahin zu kommen, wo du hinwillst. Am besten hat man dafür Unterstützung von zu Hause oder eben von Partnern, wie „Dein München“. Es gibt hier eigentlich wirklich viel Unterstützung und man kann sich immer an jemanden wenden. 
 
Ich selber hatte großes Glück: meine Mutter hat mich immer bei allem unterstützt. Wir sind hier gemeinsam her gekommen und wir sind fast wie Geschwister. Wir sind immer zu zweit: zwei Frauen, die sich alleine durch das Ganze kämpfen. Es gab sicher viele Herausforderungen wie Sprache, Arbeit, Papierkram, aber wir haben immer zusammengehalten. In dem Sinne hatten wir auch Glück: wir hatten nie den Status von Flüchtlingen. Wir kommen aus Bulgarien und so konnte wir sofort arbeiten und lernen.
 
Meiner Mutter verdanke ich wirklich viel. Natürlich hatten wir auch mal Zeiten, wo ich unabhängiger werde wollte und das war für uns beide nicht einfach. Aber meine Mutter hat mich nie zurückgehalten. Sie hat nie gesagt, dass sie das jetzt nicht ohne mich machen kann. Sie ist eine super Mutter. Sie unterstützt mich auch, wenn es für sie nicht das beste ist. Sie sagt  immer: „Ja, mach das!“ – auch wenn sie sich danach selber nicht so gut fühlt.
 
Ich denke schon, dass ich ehrgeizig bin. Sicher nicht übermäßig, aber ich möchte doch irgendwann mal eine Führungsposition erreichen. Bis dahin ist sicher noch ein langer Weg. Aber vor 6 Jahren konnte ich noch kein Wort Deutsch und jetzt studiere ich. Ich freue mich sehr, dass ich das geschafft habe. Aber alleine hätte ich das nicht schaffen können. Meine Mutter war immer für mich da. Sie hat mich immer bei allem unterstützt, was ich tun wollte. Und das ist so mega wichtig. Mir tun die Leute wirklich leid, die das nicht haben. Denn die wissen gar nicht, was es bedeutet, so was zu haben und können das auch nicht schätzen. Ich denke man braucht das ganz dringend, damit man sich weiterentwickeln kann.
 
Zu “No Limits” bin ich gekommen, weil noch ein paar Plätze frei waren und unsere Lehrerin uns das angeboten hat. Ich hatte mitbekommen, dass einige aus den Übergangsklassen mitgemacht haben, die noch kein Deutsch konnten und dass darunter auch einige aus Bulgarien kamen. So konnte ich nicht nur teilnehmen, sondern auch ein bisschen mit der Sprache helfen.  
 
“No Limits” ist einfach eine großartige Familie. Wenn man da mal teilgenommen hat, dann kann man immer in dieser „Dein München“-Familie bleiben – wenn man will. Wir helfen uns noch immer gegenseitig – und irgendwas ist ja immer. Wir haben auch eine WhatsApp Gruppe von allen ehemaligen Teilnehmern und Trainern. Darüber erfahren wir immer die aktuellsten Infos und wo man mithelfen kann. Man wird natürlich nicht gezwungen zu unterstützen, aber ich mache das wirklich gerne. Ich will da immer nah dran bleiben. 
 
Im letzten Jahr war ich auch Assistentin von einer der Gruppenleitungen bei No Limits. Darüber habe ich viele Kinder kennengelernt. Ich war da oft schockiert, wie wenig Unterstützung einige bekommen. Ein Mädchen fällt mir da ein: immer wenn es darum ging, die Mutter mal was zu fragen oder der Mutter etwas zu erzählen, dann ging das gar nicht. Man hat richtig gemerkt, die wollen gar nichts über ihre Tochter wissen oder die haben gar keine richtige Beziehung zu den Kindern. Das hat mich wirklich immer sehr traurig gemacht. Eigentlich ist es sehr schade, dass man erst zu schätzen lernt, was man alles hat, wenn man es verloren hat oder bei anderen sieht, dass es nicht selbstverständlich ist. 
 
Bei mir war es auch so: Als meine Mutter vor kurzem das erste Mal einen Monat weg war, habe ich noch mal mehr schätzen gelernt, was sie alles für mich macht. Ich helfe natürlich immer mit und einige Bereiche wie Bürokratie und Papierkram übernehme ich auch schon komplett, weil mir das sehr liegt. Aber Waschen, Putzen, einkaufen auf einmal alles alleine zu machen – da habe ich auf einmal alles wie ein Erwachsener ganz alleine gemacht. Das war hart. Wir waren so glücklich uns wieder zu haben und waren doch andere Leute danach. Wir haben danach sicher noch mehr geschätzt, was wir aneinander haben und haben gelernt, was uns fehlt, wenn der andere weg ist. 
 
Ich freue mich, dass ich bei “No Limits” noch weiterhelfen kann. Es gibt mir wirklich viel, wenn ich sehe, wie die Kinder sich verändern. Eines der Mädels war zum Beispiel am Anfang wirklich nur dabei, weil ihre Freundinnen mitgemacht haben. Wenn man sie am Anfang angesehen hat, dann hatte man den Eindruck, sie hatte überhaupt keinen Bock – nicht mal aufs Leben. Sie war immer so typisch Teenager mäßig drauf und hatte auf alles Null Bock. Bei ihr konnte man im Laufe des Projektes aber richtig sehen, wie sie sich verändert: jetzt ist sie auf einmal sehr nett und höflich. Und das ist so schön, zu sehen, wie sie sich verändern, sich weiterentwickeln. Und dann noch zu wissen, dass man dabei helfen konnte, ist ein tolles Gefühl. Das ist sozusagen die „Bezahlung“ und das freut mich einfach sehr. 
 
Ich komme zwar aus Bulgarien, aber hier in Deutschland fühle ich mich zu Hause. Manche Leute können das nicht verstehen, aber ich glaube ja fast, dass ich früher mal Deutsche war. Ich mag hier einfach alles. Es gibt Regeln – wenn es auch manchmal lein paar zu viel sind. Aber auf darauf kann man sich verlassen. Bulgarien ist wundervoll und die Natur ist wirklich teilweise atemberaubend schön. Aber man kann sich auf nichts verlassen: z.B. wann der Bus kommt, weiss man nie, weil er sich nie an den Busplan hält. Und die Leute verdienen viel zu wenig dort, aber alles kostet genau so viel wie hier. Eine Angestellte in einem Bücherladen verdient 300 EUR im Monat. Davon kann man nicht leben. Es gibt viele Reiche, die sehr gut leben können. Aber es gibt keine Mittelschicht und den Armen geht es sehr schlecht. Daher kommen ja so viele Leute hierher, weil man hier für die gleiche Arbeit viel mehr verdienen kann. Deshalb wollte meine Mutter ja auch, dass wir hierher kommen: sie wollte, dass ich mal mehr Chancen habe.
 
Ich fühle mich wirklich glücklich hier.“
 
Vielen Dank für das Interview und dass Du Dir Zeit genommen hast. R. war eine der ersten Teilnehmerinnen im Programm „No Limits“ von Dein München. Dem Verein, der Kindern durch Bildung, Sport und Kultur zeigt, welche Chancen sie wirklich im Leben haben – unabhängig davon, woher sie kommen, wie sie leben und wie ihr bisheriger Werdegang war. 

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