Schwestern

„Die Schwestern sind zum ersten Mal 1979 in San Francisco aufgetreten. Eine der Gründungsschwestern hatte sich das Nonnenkostüm vom Remake des Musicals The Sound of Music “ausgeliehen” (und nie zurückgebracht), um es dann nach San Francisco mit “umzuziehen”. An besagtem Karsamstag 1979 war es dann vier Kerlen langweilig und man zog die Nonnenhabits über und besuchte das Castro-Viertel. Dabei haben sie festgestellt, dass die schwule Generation von damals einen großen Redebedarf hatte: „Ich bin schwul, ich habe gesündigt, bitte hilf mir!“ Egal, ob die Leute von ihren Eltern rausgeschmissen wurden, nicht mehr in die Schule gehen konnten oder Ärger mit dem Arbeitgeber hatten: Die Schwestern waren da, hatten ein offenes Ohr und haben diese Sorgen aufgenommen, haben sie weitergeleitet und haben sich organisiert.

Daher also das Nonnenkostüm. Das weisse Gesicht kommt daher, weil eine der Gründungsschwestern im Justizwesen war und auf keinen Fall erkannt werden wollte. Denn es war ja nicht „gestattet“ schwul zu sein. Man hat dann aber auch relativ schnell festgestellt, dass das white face relativ kacke ausschaut, deshalb haben wir ein bisschen Glitzer und Farbe dazugetan. Sie stehen für die immerwährende Lebensfreude, die wir verbreiten wollen. Deshalb heissen wir auch eben die Schwestern der Perzentuellen Indulgenz – die perpetuelle Indulgenz: Perpetuum Mobile … immerwährend …. Indulgenz = Lebensgenuss / Lebensfreude).

Seit 1982 HIV / AIDS aufkam erinnert das white face zudem auch an den Tod – den Tod, den sexuell übertragbare Krankheiten bringen können. Die Schwestern haben in dieser Zeit, die ersten Sex-Broschüre rausgebracht haben. Nach dem Motto: „Tu was du willst, aber sei ein bisschen vorsichtiger.“

Diese Mission hat sich beide bis heute auch nicht geändert. Wir verteilen heute noch safer sex Materialien und klären auf soweit Bedarf ist. Und wir sind damals wie heute für alle Leute aus allen Gruppierungen da, dass sie uns ansprechen können und mit uns über ihre Sorgen sprechen können.

Dieses „Verkleiden“ ist dabei wichtig: Wir verkleiden uns so abstrus oder so extrem, damit die Leute uns erkennen und wirklich zu uns kommen. Dieses Kostüm macht für alle einfach ganz klar, dass ich jetzt in dieser Rolle als Schwester da bin.

Für uns ist es aber auch wichtig: wenn ich als Schwester in dieser Verkleidung da bin, kann ich als ganz persönliche Person nach einem Gespräch immer noch sagen: „Das war mein Kostüm, meine Rolle, mit der gesprochen wurde.“ Ich muss ja auch heute Abend nach Hause gehen können und mein normales Privatleben weiterführen können. Wir machen das alles ehrenamtlich und sind keine Psychologen, keine Therapeuten, oder Mediziner.

Die Kopfbedeckungen machen wir übrigens selber. Der lustigste Teil ist eigentlich immer, die BHs zu kaufen. Stell Dir vor, du gehst als schwuler Mann in einen Laden und musst einen BH kaufen. Natürlich fragt die Verkäuferin erst Mal: „Welche Größe trägt denn ihr Frau?“ Und dann antwortest du: „Er muss am Kopf passen!“ Immer wieder schön.
Als ich einmal in Südamerika mit meinem Haus und Hof Spanisch in einem Laden kläglich gescheitert bin, zu erklären für was ich es brauche, hab ich ihnen einfach ein Foto gezeigt. Die waren so begeistert, dass sie gleich mal eine Durchsage durch das ganze Einkaufszentrum gemacht haben! Natürlich hab ich dann auch erzählt, um was es geht und die haben mich sofort gefragt, warum es das in Puerto Rico nicht gibt. Tja, und da sind wir natürlich bei dem Problem, dass in viel zu vielen Ländern Schwule noch immer komplett unterdrückt werden.

In Budapest musste mal eine CSD Prozession in die U-Bahn umgeleitet werden, weil die sie alle totschlagen wollten. In Saudi-Arabien wird man geköpft, wenn man Schwul ist. In Russland gibt es offiziell keine Schwulen und offiziell auch keine HIV-Infektionen – mit dem Ergebnis, dass die inoffiziellen Zahlen irre hoch sind. Warum? Wir tun doch niemandem weh, verdammt noch mal! Ich frag doch auch keinen in der Hetero-Beziehung, was du im Bett machst. Es ist doch total egal. Hauptsache ihr habt euren Spaß, ihr genießt es und ihr behaltet im Hinterkopf, dass richtig viele fiese Krankheiten da draußen, wie HIV; Syphilis, Hepatitis, und und und. Womit wir wieder bei unserer Mission der Schwestern wären.”

Nachdem ich die Schwestern immer wieder auf Veranstaltungen gesehen haben, war ich sehr froh, sie mal mit Kamera und Interview-Block zu treffen und mir ihre Mission erzählen zu lassen. Ich finde es so bewundernswert und ehrenwert, was sie tun. Daher: wer noch mehr über die Schwestern der Perzentuellen Indulgenz erfahren möchte, hier der Link ihrer Website: http://www.spi-muenchen.de/

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