Werkstätte

“Ursprünglich bin ich über meinen Vater zu der Arbeit mit Menschen mit Behinderung gekommen. Dieser war als einer der ersten Betreuer im damaligen Betreuungszentrum tätig, als die Einrichtung gegründet wurde. Der Umgang mit den Menschen hier war für mich schon als Kind Normalität und mir war früh klar, dass ich auch beruflich in diese Richtung gehen möchte.

Inzwischen arbeite ich seit 25 Jahren im Einrichtungsverbund Steinhöring, zuerst in verschiedenen Bereichen für Menschen mit geistiger Behinderung, später dann in den Ebersberger Werkstätten für Menschen mit seelischer Behinderung. Dort wechselte ich vom Sozialdienst in meine jetzige Position als Zweigstellenleiterin.

Gerade letzteres stellte mich vor ganz neue Herausforderungen. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt in eine für mich ganz neue Richtung gewagt habe. Seit über 5 Jahren bin ich nun in dieser Tätigkeit, es ist eine ganz erfüllende und tolle Aufgabe.

Die Begleitung von Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung stellt ganz unterschiedliche Anforderungen. So sind die Beschäftigten in unserem Bereich oft hoch intelligente, gut ausgebildete Personen mit Familie, Kindern, Studium – einem ganz „normalen“ Lebenslauf – und waren dann plötzlich mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert.

Menschen mit diesem Krankheitsbild benötigen entsprechende spezielle Unterstützung:
Weniger in Alltagsdingen, vielmehr in Selbstschutz und Selbsteinschätzung. Sie überschreiten unbewusst eigene Grenzen und brauchen zum Beispiel Hilfe bei der Übernahme von Verantwortung und dabei, sich selbst besser zu spüren.

Die Aufgabe von Werkstätten ist es, gemeinsam mit beschäftigten Personen in Zusammenarbeit herauszufinden, an welchem Punkt sich diese Person noch entwickeln möchte. Wo liegen die Fähigkeiten, die man noch stabilisieren oder ausbauen kann? Wo liegen die Schwierigkeiten? Wie kann man die Person unterstützen, z.B. flexibler zu werden. Die Aufgabe der Werkstätten ist dabei die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, die -Teilhabe am Arbeitsleben.

Das heißt für uns, dass wir mit den Beschäftigten viele Gespräche führen und einen individuellen Förderplan mit ihnen erarbeiten. Die darin beschriebenen Ziele überprüfen wir regelmäßig gemeinsam, so dass eine Entwicklung deutlich wird und stattfinden kann. Auch wenn jemand nicht mehr auf den ersten Arbeitsmarkt kommt, soll sie oder er sich trotzdem weiter entwickeln können: was die Arbeit und Produktivität, aber auch was die Persönlichkeit angeht.

Das sieht bei jedem anders aus. Jeder setzt sich hier eigene Ziele. Und wir versuchen hier zusammen, diese zu erreichen. Immer in erreichbaren Schritten, so dass es den Menschen nicht überfordert. So können psychische Stabilität gewährleistet und erneute Aufenthalte in der Psychiatrischen Klinik unter Umständen vermieden werden.

Alle Personen, die bei uns hier aufgenommen werden sind chronisch psychisch erkrankt, die psychischen Erkrankungen zeigen meist schwere Verläufe. Das ist zu unterscheiden von vorübergehenden psychischen Krisen, wie zum Beispiel ein Burnout. Bei letzterem schaffen es Betroffene häufig nach einem Klinikaufenthalt und psychiatrischer Begleitung wieder ins normale Leben zurückzukommen. Diese Menschen benötigen keine Wiedereingliederung in Werkstätten.

Unsere Beschäftigten fallen manchmal aus dem Rahmen. Sie haben z.B. nicht immer die Energie, sich regelmäßig zu pflegen oder zu duschen. Manchen fällt es schwer, in geschlossen Räumen oder unter vielen Menschen zu sein. Was unsere Gesellschaft als „normal“ bezeichnet – in einem Haus/einerWohnung zu wohnen oder sich regelmäßig zu pflegen – ist nicht für jeden Menschen möglich. Wir müssen dabei immer wieder akzeptieren können, dass einzelne Menschen auch anders leben wollen oder müssen.

Es kommt vor, dass wir Personen in instabilen Phasen nicht mehr unterstützen können, sie unsere Hilfe nicht mehr annehmen können oder wollen. Wir können nicht immer helfen. Man bietet vieles an, alles was zur Verfügung steht und darüber hinaus noch mehr und trotzdem kommt das Angebot nicht mehr bei der Person an. Auch das muss man lernen, zu akzeptieren.

Zum Beispiel trockene Alkoholiker oder ehemalige Drogenabhängige, die viele Jahre clean oder trocken sind und dann wieder konsumieren. Das ist auch für die Helfer eine große Herausforderung. Man muss immer wieder lernen, dass man manchmal nur bis zu einem gewissen Punkt helfen kann. Und warum die Unterstützung manchmal nicht ankommt oder es die Person nicht annehmen kann, das ist oft sehr schwer zu verstehen, denn die Gründe sind nicht immer deutlich nachvollziehbar.

Ich arbeite sehr gern hier und habe für mich genau die richtige Aufgabe gefunden. Die Arbeit mit meinem Team macht mir Freude, es ist eine intensive, sehr professionelle Zusammenarbeit. Dies ist wichtig, um die täglichen Herausforderungen meistern zu können. Wir haben hier oftmals mit sehr schwierigen Situationen zu tun, Personen, denen es psychisch schlecht geht, deren Verhalten herausfordernd ist. Das erfordert von uns persönliche Fähigkeiten, um selbst stabil bleiben zu können und um nicht alles mit nach Hause zu nehmen.

Das heißt nicht, dass ich nichts an mich heran lasse. Es gibt immer wieder Personen, bei denen ich mir wirklich Sorgen mache.

Wir hatten zum Beispiel einen jungen Mann hier der psychisch instabil war und dem es sehr schlecht ging, da konnte ich auch erst heimgehen, als ich wusste, wo er den Abend bei Freunden bleiben und übernachten konnte. Das hat mich dann auch sehr beschäftigt.

Jeder Mensch hat für sich was zu tragen – bei dem einen ist es schwerer und bei dem anderen ist es nicht so schwer. Wir können hier Unterstützung anbieten, dass es manchmal leichter wird. Das gibt mir eine gewisse Zufriedenheit. Da gebe ich gerne meinen Teil dazu.

Es ist ein Miteinander hier, das Team arbeitet sehr eng zusammen. Das ist auch immer wieder eine Herausforderung, das ist fordernd, speziell für die eigene Persönlichkeit. Umso wichtiger sind die Kollegen*innen, die sich wirklich gut kennen und auch gegenseitig unterstützen, denn der Alltag ist alles andere als einfach.

Nach dem Bundesteilhabegesetz (https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Inklusion/ bundesteilhabegesetz.html) ist unsere Einrichtung ein Angebot, das möglichst gar nicht mehr stattfinden sollte. Dieses Gesetz geht davon aus, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Schwierigkeiten auffängt. Unsere Erfahrungen sind jedoch andere. Unsere Gesellschaft ist nicht immer so offen oder bereit dazu, Menschen mit Behinderung oder Menschen, die Hilfe brauchen, zu inkludieren.

Es erzeugt auch Ängste bei den Mitarbeiter*innen, dass ihre Arbeit nicht mehr gebraucht wird. Dies entspricht ja keinesfalls der Realität, erzeugt jedoch Unsicherheiten.

Werkstätten haben die Aufgabe, Personen wieder auf den ersten Arbeitsmarkt zu begleiten, wenn möglich. Wir suchen daher immer Praktikumsplätze. Ich komme in verschiedene Firmen und merke, wie schwierig es zunächst für die Betriebe ist, einen Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Durch unsere Beratung und Hilfestellung haben jedoch einige Unternehmen in der Region bereits Arbeitsplätze für unsere Beschäftigten – sogenannte Außenarbeitsplätze geschaffen. Das bedeutet, dass Beschäftigte der WfbM regelmäßig je nach Bedarf einen oder mehrere Wochentage in einem Betrieb der freien Wirtschaft tätig sind.

Wichtig fände ich, dass man als Mensch mit Behinderung die freie Wahl hat, ob man in einer Werkstatt an einer Maßnahme teilnimmt und hier unterstützt und begleitet wird oder ob man lieber in einer Firma arbeitet und eigenständig für sich einsteht. Beides hat sicher Vor- und Nachteile. Aber beides sollte grundsätzlich möglich sein, je nach persönlichem Wunsch.”

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