München ist gut

“München ist sehr schön. Hier sind gute Menschen. Ich war schon in Dortmund, Essen, Stuttgart und Berlin, aber hier in München gefällt es mir am besten.

Ich komme aus Syrien und bin seit 4 Jahren hier in München. Ich habe auch schon einen Kurs in Deutsch gemacht, aber ich habe leider wenig Kontakt mit Menschen, die Deutsch sprechen.

Ich habe einen Monat und 17 Tage hierher gebraucht und ich bin durch sieben Länder gekommen. 4.500 Kilometer. Ich habe zwei Familien. Die sind in Damaskus und in der Türkei. Eine Familie kommt jetzt in 2 Monaten.

Mein Sohn war 17 Jahre. Er ist jetzt tot. Eine Airforce-Bombe ist gekommen.

Syrien ist komplett kaputt. Mein Haus steht gar nicht mehr. Schau dir die Bilder an: das ist vorher, das ist nachher. Früher haben mal 23 Millionen Leute in Syrien gewohnt. Jetzt sind es nur noch sechs Millionen.”


Helfen – Egoist

Helfer Egoist

“Ich helfe gerne anderen Menschen. Ich bin viel ehrenamtlich tätig, z.B. in der Schlau Schule, in Notunterkünften oder SOS-Kinderdörfern. Ich finde es wichtig, anderen zu helfen.

Früher war ich Bauingenieur, aber das habe ich irgendwann nicht mehr gekonnt. Zu viel Stress, Burnout und so weiter. Da habe ich aufgehört, Bauingenieur zu “spielen” und hab mich erst mal eine Zeit um mich kümmern müssen. Denn man kann niemandem helfen, wenn man sich nicht erst mal selber helfen kann.

Warum ich gerne anderen helfe? Weil ich ein Egoist bin. (lacht) Ich mache das, weil es mir unheimlich viel gibt. “Geben um zu haben.” Es ist wunderschön, so unglaublich tolle Menschen zu treffen. Ich liebe es mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und wenn die Kinder dann auf mich zukommen, und mich anlächeln, dann ist das unglaublich viel wert für mich. Oder wie gestern: da war ein Kind in der Gruppe, das ganz fürchterlich geweint hat und sich von niemanden beruhigen ließ. Nur ich könnte es zum Schluss trösten. Das tut einfach gut!”

Einmischen

PIazolo

“Gerade ist es besonders spannend, in der Politik zu sein, aber es sind teilweise auch ganz schön schwierige Zeiten. Die letzten Jahre war eine Phase, in der es Deutschland – und Bayern sowieso – wirtschaftlich gut ging. Alles hat sich in der Mitte gedrängelt und die Parteien waren nicht mehr ganz so deutlich unterscheidbar und die Politik gestaltete sich etwas ruhiger. Jetzt ist vieles  in Bewegung im Parteiensystem und einiges radikalisiert sich leider. Das macht es auf der einen Seite zwar spannender, aber auf der anderen Seite wird es vor allem auch notwendiger, dass man vernünftige, sachorientierte Politik macht, um gegen aufkommende Polarisierungstendenzen zu kämpfen. Wenn man sich im Landtag so umhört, dann machen sich viele Sorgen, dass sich gerade diejenigen, die vorher vielleicht in der Mitte waren, jetzt radikalisieren. Insofern, ist es sicher aufregender aktuell Politik zu machen, aber sicher manchmal auch unangenehmer. Aber ich bin ja nicht nur angetreten, um angenehme Zeiten zu erleben. Politik muss auch streitbar sein.

Politik fängt ja eigentlich schon im Klassenzimmer an, wenn den Schülern bewusst wird, dass sie selber etwas verändern können. Politik beginnt ganz nah am Menschen. Man kann das ganz schön am Beispiel München verdeutlichen: Vielen Leuten wird zum Beispiel bewusst, dass sich die Isar verändert: es gibt mehr Griller, mehr Müll , mehr Lärm und mehr Schlauchboote. Dann überlegen sie sich, ob sie das gut finden oder nicht. Oder eben die Frage: Bin ich für die Mountainbiker auf den Isartrails oder bin ich dagegen. Und wer sich dann für oder gegen eine dieser Sachen engagiert, der macht Politik. Meistens ist diese Art von Politik auch das Wirksamste. 
Natürlich gibt es auch einige Leute, die gleich viel weiter oben, im Abstrakten ansetzen, aber das sind häufig Menschen, die stärker am theoretischen Diskurs interessiert sind. Die meisten kommen zur Politik, weil sie etwas ganz Konkretes ändern wollen und die bleiben dann auch meistens länger dabei. Das mag der Bebauungsplan sein, der Kitaplatz, die Schulwahl für das Kind. Man kann so viel bewegen und das ist für die Demokratie ganz entscheidend. Meiner Meinung nach haben wir leider noch zu wenig Menschen, die sich politisch engagieren.

Ich finde es wichtig festzustellen, dass man wirklich etwas verändern kann. Man sollte nicht mit dem Satz kommen: “Da kann man ja sowieso nichts machen.“. Denn wenn man so anfängt, dann überlässt man es den anderen, über sich zu bestimmen. Mir ist völlig klar, dass es für viele schwierig ist, im Kleinen etwas zu bewegen. Die meisten haben genug Probleme: der Arbeitsplatz, die Beziehung, die Hobbies, vielleicht sind auch Kinder da und sie wollen in den Urlaub gehen. Da dann zusätzlich am Abend noch zu versuchen, politisch etwas zu bewegen – das ist oftmals schwierig. In den Parteien voran zu kommen ist besonders mühsam, denn da geht es viel um Strukturen, und es geht alles nicht so schnell.  Daher halte ich kleinere Bürgerinitiativen immer für etwas, was ganz viel nutzt. Da wird viel bewegt und oft ist es ganz erstaunlich, wie viel Fachwissen vorhanden ist. Aber gerade diejenigen, die vielleicht im Moment gar keine Probleme oder konkrete Themen haben, für die sie gerne kämpfen würden, auch für diejenigen würde ich mir wünschen, dass sie mehr politisieren. Und wenn es nur darum geht, mehr miteinander zu reden, zu diskutieren oder auf einer Party über Politik zu sprechen.
Ich finde es wirklich wichtig, dass die Leute sich einmischen und sich irgendwo engagieren – egal wofür. Ich wünsche mir, dass sie dieses Geschenk annehmen. Denn es ist ein riesiges, erkämpftes Geschenk, dass wir eine Demokratie haben und mitbestimmen und mitwirken können. Ich wünsche mir, dass man das annimmt, und es jeder für sich tut und nicht zu früh aufgibt.”

Ich habe Herrn Piazolo im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Bellevue de Monaco getroffen und danach die Möglichkeit ergriffen, mit ihm ein paar Mintuen zu sprechen. Ich hoffe, dass ich auch noch andere Teilnehmer aus der Runde interviewen kann.

Die Buam

Matze

“Ich weiss nicht, woher das kommt, dass die einen noch nie Europa verlassen haben und deutlich weltoffener sind, als andere, die schon die ganze Welt bereist haben. Ich selber komme aus einem konservativen Elternhaus mitten in Bayern und meine Eltern stehen voll und ganz hinter mir, bei allem, was ich die ganzen letzten Jahre für die Jungs gemacht habe. Aber für mich war es eine Selbstverständlichkeit. ein Gefühl, dass man da jetzt nicht einfach zukucken darf. Ich habe die Situation gesehen und einfach reagiert.

Dazu braucht man keine große Bühne. Wenn jeder statt zu demonstrieren, einfach anpacken würde, hätte jeder Flüchtling einen Paten.

Am Besten kann ich mich noch an die Bürgerversammlung erinnern. Die Leute haben von ihren Ängsten und Bedenken gesprochen. Und ich saß einfach nur drin und hab mir gedacht, dass da einfach komplett was falsch läuft. Und da bin ich zum ersten Mal aufgestanden und hab gesagt: “Hier drin sitzen ungefähr 500 Leute. Wir sind teils zusammen in den Kindergarten gegangen, kennen unsere Familiengeschichten, wir sind vernetzt und kennen uns alle seit Generationen. Und da draußen sind 15 Afrikaner, die teilweise ihr halbes Leben auf der Flucht waren, schreckliche Dinge erlebt haben und die furchtbare Angst haben. Die haben Angst. Wir sollten keine haben.” Ergebnis war, dass ich Integrationsbeauftragter wurde und inzwischen alle 15 Jungs bei uns ein ganz normales Leben leben – ganz einfach integriert sind in unser Leben. Sie sind es auch nicht mehr “die Flüchtlinge”. Inzwischen sind’s nur noch “die Buam”. Die Leute sind für dieses Detail “blind” geworden. Ich sag immer: wenn wir alle ein bisschen blinder wären, wäre einiges viel einfacher.

In den letzten Jahren habe ich Dinge erlebt – ich könnt ein Buch drüber schreiben: wie wir durch Nacht und Nebel-Aktionen ein verheiratetes Paar wieder zusammengeführt haben, die sich sonst wahrscheinlich nie wieder gefunden hätten. Von Leuten, die mich selber für einen Ausländer gehalten haben und dann mich und meine afrikanischen Freunde blöd im Supermarkt angeredet haben. Jetzt seh ich selber nicht wie der Ur-Bayer aus – auch wenn ich es bin – das ist mir schon klar. Aber ich hätte schon einen afghanischen Asylantrag bewilligt bekommen, bis ich dann klargestellt habe, dass ich selber nicht der Flüchtling, sondern der Betetreuer bin – und dass nur weil ich den schriftlichen Antrag in der Hand hatte. Einer der Jungs, dem ich geholfen habe, einen neuen Pass zu bekommen, hat mir noch kurz vor dem Amt den Ausweis gezeigt und als wir genauer hingekuckt haben, hat sich herausgestellt, dass sie ihm einen komplett falschen Ausweis gegeben haben: das Bild war einfach auf einen Ausweis mit falschen Namen geklebt worden. Genauso mit den Nationalitäten: Als wir einmal einen Antrag ausgefüllt haben, waren die Jungs auf einmal auf dem Papier nicht mehr aus Eritrea, sondern aus Somalia. Und die Erklärung war: “Mei, da muss ich wohl in der Zeile verrutscht sein.”, weil in der Liste der Länder Somalia nach Eritrea kommt. Nur dass das Asylverfahren für Somalia ein komplett anderes ist als für Eritrea.
Ich könnte Stories erzählen. Der Wahnsinn.

Aber inzwischen sind die Jungs selbständig. Einer von ihnen ist bei mir als Azubi und ich bin immer wieder erstaunt, wie die Leute reagieren: bei den Leuten, bei denen ich dachte, es wäre kein Problem, hatten auf einmal “Sorgen”, wenn wir gemeinsam einen Auftrag angenommen haben und bei einigen, bei denen ich schon die Befürchtung hatte, es könnte Schwierigkeiten geben, die fanden es total klasse und haben es total begrüßt.

Tja, so lernt man die Menschen wirklich kennen.”

Matthias kenne ich schon sehr lange eigentlich und bin ihm heute zufällig auf dem Kocherlball begegnet. Ich wusste schon länger, dass er sich für ein paar Flüchtlinge in seinem Dorf stark gemacht hat und einigen sehr geholfen hat, dass sie hier bleiben dürfen. Um so mehr hat es mich heute morgen sehr gefreut, ihn mal tatsächlich auch “vor die Linse” zu bekommen. Ich hoffe, dass wir das Gespräch irgendwann mal fortsetzen können. Danke, dass es so Menschen gibt!

Wer ihn noch ein bisschen mehr kennenlernen möchte, kann auch ein noch längeres Porträt online ansehen: In Bayern dahoam, in der Welt zu Hause.

Open Piano 4 – Granny’s Piano

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“My grandmother used to have a piano at her home and when we were kids we played on it. I never got lessons or practiced but we but my sister picked it up and is now a great player. It was fun to sit down again and try to dig out some tunes from that time. Nice memories popped up.”

I have met this fellow from Denmark when I was at the “Open Piano for Refugees” at the Odeonsplatz. This is a piano where you can play along and donate something for a project with the same name. The idea is to support refugees to get music classes and open this part again for them.

 

 

Open Piano 3

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“Wir sind Schwestern und wohnen eigentlich gar nicht in München. Wir sind nur hier, weil wir in einem Internationalen Orchester spielen und gerade Freunde besuchen, die aus Paraguay in München zu Besuch sind.

Wir spielen eigentlich Streichinstrumente und daher ist es echt wundervoll gewesen, mal wieder an einem Klavier zu spielen. Das haben wir schon lange nicht mehr getan.”

Die beiden habe ich auf dem Odeonsplatz an dem wunderschönen Klavier des Open Piano for Refugees getroffen. Mehr zu dem Projekt hier: Open Piano 1

Open Piano 2 – der Hinterhof

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“Leider kann ich selber nicht spielen. Schlagzeug ja, aber leider kein Klavier. Aber ich höre da so gerne zu. Ich bleib hier, bis jemand spielt. Vorhin auf dem Hinweg hatte ich leider keine Zeit, aber jetzt warte ich. Ah, da fängt ja schon jemand an.

Bei mir im Hinterhof ist ein kleines Haus und da wohnen Musiker drin. Die fangen oft erst abends um 9 Uhr zu üben an: Klavier und Ziehharmonika. Meistens klassische Stücke. Es ist herrlich, wenn man einfach auf dem Balkon sitzen und der Musik lauschen kann. Meistens spielen sie mitten in der Nacht und keiner beschwert sich, weil es einfach so schön ist.”

Am Odeonsplatz steht ein Klavier – einem wundervoll gestaltetes Klavier, an dem ihr nicht nur spielen könnt, sondern auch spenden für das Open Piano for Refugees Projekt. Mit den Erlösen wird der Musikunterricht für Flüchtlinge gefördert. Erfahr mehr über das Projekt im Artikel über die Koordinatorin.

Open Piano 1

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“Ich habe mal in Wien selber an so einem Klavier gesessen und gespielt und wurde angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, das in Süddeutschland zu koordinieren. Tja, und jetzt mach ich das halt. Ich mach das ehrenamtlich und neben meinem Studium her und es macht mir unheimliche Freude.

Was mir selber sehr gut gefällt ist, dass ich durch das Projekt richtig, richtig gute Freunde gefunden habe. Nicht nur einfach Bekannte, sondern echte Freunde. Meine Aufgabe ist es, das alles zu koordinieren und dann vor Ort die Leute anzuregen, auch mal zu spielen. Das heisst, auch mal selber in die Tasten zu greifen, wenn keiner spielen möchte.

Am schönsten finde ich, wenn die Leute noch nicht lange spielen und ich sie dann begleite. Die meisten blühen dann richtig auf. Gerade Kinder sind dann total begeistert.

Einer der tollsten Erlebnisse am Klavier war, als ein Flüchtlingschor in Stuttgart auf einmal mit 40 Leuten aufgetaucht ist und jeden Abend am Klavier Konzerte gegeben hat. Die Leute haben ihre eigenen Lider und Texte über Heimat und ihre Länder mitgebracht. Das war sehr, sehr ergreifend!”

Das Projekt “Open Piano for Refugees” sammelt spenden und ermöglicht Flüchtlingen in Musikschulen Unterricht zu nehmen. Entweder weil sie neu anfangen wollen oder weil sie ihre Ausbildung, die sie in ihrer Heimat begonnen haben, weiterführen wollen.

“Natürlich richtet sich das Projekt an Leute, die das auch wirklich durchziehen wollen. Die müssen schon wirklich dran bleiben. Es haben sich schon so tolle Sachen ergeben dadurch: zum Beispiel können wir teilweise die Leute dann zu Auftritten weitervermitteln und so weiter. Das ist dann natürlich sehr schön.”

Das Klaiver wurde im Übrigen in Kooperation mit dem Play Me I’m Yours Projekt gestaltet, von dem wir die Organisatorin ja schon mal interviewt haben, und das schon bald wieder beginnt! Wir freuen uns, dass wir mit dem Open Piano nun neben dem ersten Klavier am Kulturstrand, nun bis Sonntag, den 25.6.2017 bis 18 Uhr wieder einen Vorgeschmack aufs Klavierspielen im Freien bekommen.

Und hier im Übrigen noch mal ein schönes Beispiel, wie wunderschön Menschen sind, wenn sie Musik machen:

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UNO Flüchtlingshilfe

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“Ich denke, Empathie ist etwas sehr wichtiges im Leben und gerade in diesen Zeiten ist sie wichtiger denn je. Wir steuern gerade auf eine der größten humanitären Katastrophen zu, die es seit dem zweiten Weltkrieg gab. Da möchte ich meinen Teil dazu tun, dass den Leuten geholfen wird. Ich kann aber nicht nach Afrika oder so gehen und so nutze ich meine Semesterferien und sammle Spenden ein für die UNO Flüchtlingshilfe. Jeder Euro geht direkt zu den Menschen in Not. Das ist der Beitrag, den ich leisten kann. Das Thema ist so wichtig.”

“Ich habe einen Job gesucht und ich mag ihn sehr gerne: man lernt Leute kennen und tut was Gutes. Besser geht’s eigentlich nicht. Ich sehe es so: wenn ich hier jemanden dazu bringe, eine Spende abzugeben, dann ist das großartig. Aber selbst wenn er nichts gibt, dann hab ich ihn vielleicht wenigstens zum Denken gebracht. Ich hab vielleicht verändert, wie er die Welt sieht und seine Aufmerksamkeit geschärft für das Thema. Das ist für mich dann auch schon ein echter Erfolg.”


“I think empathy is very important in life and especially right now it becomes even more important.  We are steering towards the biggest humanitarian catastrophe since world war II. So I would like to contribute my part to help these people. I can not go to Africa or something similar. This is why I use my semester break and collect donations for the UNO Flüchtlingshilfe. Every EURO goes directly to the people in need. This is my part I can do. And the topic is so important. ”

“I was looking for a job and I really like it: you get to know a lot of people and you are doing something good. It’s not getting any better. I see it like this: if I can get someone to donate something, then this is already fantastic. But even if this person is not donating, I might have made him think. I might have changed the way he sees the world and perhaps I got his awareness about the topic. Well, this would be also a great success for me.”

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High Time

mainstation2“Als es alles anfing habe ich gerade nebenher in einem Feinkostladen gearbeitet. Zunächst habe ich das auch aufrecht erhalten, aber an einem Tag wurde es mir zu viel. Ich kam gerade vom Bahnhof, wo wir den Menschen, die gerade frisch angekommen waren, geholfen haben: wir haben sie beruhigt, weiter geleitet, ihnen Wasser gegeben, wir haben Mutter-Kind-Ecken eingerichtet, die Leute teilweise in Warnwesten zu ihren Unterkünften begleitet weil nicht genug Polizei da war und alle haben wirklich bis zur Erschöpfung freiwillig und ehrenamtlich geholfen. Es war einigermaßen chaotisch und so haben sich teilweise die Leute hier um das Wasser gestritten, weil sie so verzweifelt waren. Als ich von meiner Schicht am Bahnhof dann in dem Feinkostladen ankam und eine Kundin sich darüber beschwert hat, dass ihr Latte Machiato mit Sojamilch nicht richtig aufgeschäumt wäre und sie gerne einen neuen hätte, war mir das einfach zu viel.

Mein Chef hat toll reagiert und nur gesagt, dass es wohl der Teil sei, den er dazu leisten kann: mir die Möglichkeiten zu geben, dort zu helfen. Aber das ist vielen so gegangen. Die meisten haben viel Verständnis von ihren Arbeitgebern bekommen, die sie teilweise früher gehen haben lassen oder sogar freigestellt haben. Man vergisst, dass von den ca 3 bis 4 tausend Helfern mindestens genauso viel Menschen dahinter stehen, die das unterstützt haben: durch ihren Beistand als Eltern, Ehepartner, Partner, Arbeitgeber und so weiter. Das krasseste Beispiel ist wohl einer gewesen, der sogar seine Flitterwochen dafür sausen hat lassen und lieber hier am Bahnof geholfen hat.

Aber in der Zeit waren alle an ihrem Limit: die Polizei, die Hilfswerke, die Feuerwehr, wir Freiwillige. Jeder hat versucht zu helfen, aber so richtig koordinieren war echt schwierig. Da ging es um Zuständigkeiten, Bürokratien, Gelder und vieles mehr. Ich konnte da meine Erfahrung gut einbringen, denn ich bin schon seit sehr langer Zeit beim Kreisjugendring engagiert. So habe ich mir das alles erst mal zeigen lassen, was die vielen Helfer alles schon auf die Beine gestellt haben und konnte dann gezielt den Helfern vor Ort den Rücken frei halten, in dem ich die ganzen Organisation, Geldangelegenheiten und bürokratischen Dinge erledigt habe.

mainstationMünchen ist einigen Belangen wirklich einzigartig und ein Beispiel aus der Zeit zeigt das sehr eindrücklich: Es wurden Helfer-Sprecher gewählt. Ganz demokratisch haben sich einige Personen aufstellen lassen und haben erklärt, warum sie für den Job geeignet sind. Das Spektrum der gewählten Sprecher ging von einem Antifa-Anhänger bis zu einem ehemaligen Nato-Offizier. Die beiden nebeneinander zu wählen diente einfach der Sache, weil sie am geeignetsten für den Job waren. Aber in anderen Städten wäre das nicht möglich. 

Ich war sehr lange nur bekannt als die “Frau mit dem falschen Schuhwerk”, denn auch wenn ich nicht eitel bin, so liebe ich meine Highheels. Es hat auch einige Zeit gebraucht, bis dann alle kapiert haben, dass ich auch in den Dingern genauso viele Stufen laufen kann, wie alle anderen. Aber nach einer Weile habe sogar ich mein einziges paar Turnschuhe rausgekramt und hab die Highheels für eine Weile zu Hause gelassen.

Zur heißesten Phase lag auf einmal meine Großmutter im Sterben. So bin ich jeden Tag einige Stunden an den Hauptbahnhof gegangen, habe dort koordiniert und geholfen und bin danach gleich ins Krankenhaus. Auch wenn ich vielleicht nicht so viel Zeit an sich bei meiner Großmutter verbracht habe, so war es doch für uns beide eine sehr intensive Zeit, denn ich habe ihr alles erzählt, was hier passiert und sie war sehr stolz auf mich. Vor allem hat es ihr auch die Angst genommen, dass ich als studierte Philosophin doch noch meinen Platz im Leben finden werde. Aber sie war einfach froh, dass sie die Werte doch weitergeben konnte, die ihr wichtig waren. Schließlich ist sie ja auch aus der Kriegsgeneration.

Das ist auch wohl das, was viele hier übersehen: sehr viele Ausländer hier sind aus Krisengebieten und haben den Krieg selber erlebt: aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afghanistan, Syrien und und und. Wir hier in München sind die Stadt mit dem größten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund – aber eben auch dem größten Anteil an Durchmischung. Natürlich gibt es die Landwehrstraße, die schon immer arabisch war. Aber so richtige Ghettos gibt es nicht. Aber wir haben auch die beste Integration. Bei uns arbeiten die Menschen nicht mehr in der Dönerbude, in der viele die Menschen so gerne sehen und es immer hochheben, wie “multikulti” sie sind. Über Berlin will ich da lieber echt nicht sprechen. Denn bei uns hier arbeiten diese Menschen nämlich jetzt bei BMW schon und haben sich ihren Traum vom besseren Leben wirklich umgesetzt.

München finde ich deswegen so faszinieren, denn es ist eigentlich eine sehr religiöse Stadt. Aber niemand wird hier eine Religion gedrängt, sondern es gibt hier eher einen regen inter-religiösen Diskurs. Jeder zollt der anderen Religion Respekt und in keinem Bundesland werden so viele Gelder freigegeben, um eben halt auch den griechischen Tanzverein oder ähnliches zu ermöglichen.

Es gibt zum Beispiel einfach keine lustigere und ausgelassenere Veranstaltung als den bayrisch-griechischen Freundschaftsabend. Alle kommen in ihren Trachten, es werden Brezen mit Tzatziki gegessen und die unterschiedlichsten Musikrichtungen gespielt zum Tanzen. Das ist wahre Integration und Zusammenleben.

Ich sehe auch, dass wir noch einiges vor uns haben. Vor allem in diesem wichtigen Bundestagswahljahr. Gerade mit dem Kreisjugendring arbeiten wir da viele Kampagnen und Konzepte aus, denn es geht jetzt darum, nicht immer gegen irgendwas zu sein, sondern auch mal wieder eigene Akzente zu setzen. Gerade haben wir eine Kampagne gemacht und uns Begriffe rausgesucht, die eigentlich für Vielfältigkeit und Demokratie stehen, aber inzwischen von den Rechtspopulisten komplett für sich beansprucht werden. Wie steht es denn mit den Begriffen wie Europa, Heimat, Tradition, Wahrheit, Freiheit? Das sind Begriffe, die auch in anderen Kulturen so wichtig sind und auf einmal werden sie von Rechten “missbraucht”. Wie soll sich denn ein Grieche fühlen, wenn er die Begriffe Heimat und Tradition nicht mehr gebrauchen kann, weil die Nazis sich dieser angenommen haben? Das sollten wir den Menschen wieder zurückgeben.

Ich selber habe mich bisher immer überparteilich engagiert. Es war eher im Gegenteil der Fall, dass wir alle Parteien immer überzeugen mussten, wenn wir etwas umsetzen wollten. Für mich standen die Vereine eher für Organisationen, in denen wir Veränderungen vorantreiben können. Gerade habe ich mich doch noch mal hinreißen lassen und bin eine Partei eingetreten. Es ist allerdings mein zweiter Testballon, denn beim ersten Mal bin ich wieder ausgetreten und habe lieber wieder wirklich was bewegt, wo es um die Sache ging. Ich bin gespannt, wie es diesmal wird.”


“At the beginning I was still working part time in shop for delicatessen food. I kept this job alive for a while but one day it was just enough. I just came back from the main station to start my shift to help people who just arrived: we calmed them down, we accompanied them, we gave them water, we guided them to mother-children corners, wie helped them to find their way to their camps through the city with some warning vests one because the police just did not have enough people and everybody was helping voluntarily with everything they could give. It was kind of chaotic in a way and people were even fighting for water because they were just so desperate and exhausted. So after that shift at the main station I came into the delicatessen shop I had a customer who complained that the foam on top of her Latte Macchiato was not well done enough and would like to have it replaced. After that I stoped my job at the shop.

My boss was really reacting very friendly. He said: if this is the part I can contribute to leave you and help there, then everything is fine. But most people got reactions like that. Most people were supported by their employers who gave them some free time, let them go earlier or who took over their shifts. It is important not to forget that behind those 3 to 4 thousand helpers in Munich are at least the same amount of people who supported the helpers: through their assistance as parents, husbands and wives, partners, employers etc. The most impressive example for this is that one of the helpers canceled his honeymoon and preferred helping here.

At that time everyone was at their limits: police, aid organizations, fire department, we volunteers. Everybody wanted to help but coordinating was really difficult. There were competencies, bureaucracies, money and a lot more. I was able to contribute all my experiences since I am engaged in the Kreisjugendring for years already. That’s why I they showed me around in the first place what was already installed by other helpers and then I was able to keep their backs free from all the organizational, financial and bureaucracy stuff.

Munich is pretty unique in some aspects and one really good example from that time is showing this quite impressively: They elected some speakers for the helpers. Very democratic they placed some candidates and those explained why they would be the best for that job. The range of people who got elected went from an Antifa supporter to a former Nato organizer. To elect both side by side was just helping the matters because they were the best for the job. In other cities this would not be possible.

A funny part was the reaction of the police: they wondered a lot about us. We had round about 200 people sitting at the steps for 2 to 3 hours discussing the best way and after that everything was working out well: we had team leaders, speaker, press representatives, rules and everything you needed. In the end all organizations came to us and asked for our support. In the meantime thy ask me to give speeches to explain what we actually did there because all organizations for crisis management were already at their limits.

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