High Time

mainstation2“Als es alles anfing habe ich gerade nebenher in einem Feinkostladen gearbeitet. Zunächst habe ich das auch aufrecht erhalten, aber an einem Tag wurde es mir zu viel. Ich kam gerade vom Bahnhof, wo wir den Menschen, die gerade frisch angekommen waren, geholfen haben: wir haben sie beruhigt, weiter geleitet, ihnen Wasser gegeben, wir haben Mutter-Kind-Ecken eingerichtet, die Leute teilweise in Warnwesten zu ihren Unterkünften begleitet weil nicht genug Polizei da war und alle haben wirklich bis zur Erschöpfung freiwillig und ehrenamtlich geholfen. Es war einigermaßen chaotisch und so haben sich teilweise die Leute hier um das Wasser gestritten, weil sie so verzweifelt waren. Als ich von meiner Schicht am Bahnhof dann in dem Feinkostladen ankam und eine Kundin sich darüber beschwert hat, dass ihr Latte Machiato mit Sojamilch nicht richtig aufgeschäumt wäre und sie gerne einen neuen hätte, war mir das einfach zu viel.

Mein Chef hat toll reagiert und nur gesagt, dass es wohl der Teil sei, den er dazu leisten kann: mir die Möglichkeiten zu geben, dort zu helfen. Aber das ist vielen so gegangen. Die meisten haben viel Verständnis von ihren Arbeitgebern bekommen, die sie teilweise früher gehen haben lassen oder sogar freigestellt haben. Man vergisst, dass von den ca 3 bis 4 tausend Helfern mindestens genauso viel Menschen dahinter stehen, die das unterstützt haben: durch ihren Beistand als Eltern, Ehepartner, Partner, Arbeitgeber und so weiter. Das krasseste Beispiel ist wohl einer gewesen, der sogar seine Flitterwochen dafür sausen hat lassen und lieber hier am Bahnof geholfen hat.

Aber in der Zeit waren alle an ihrem Limit: die Polizei, die Hilfswerke, die Feuerwehr, wir Freiwillige. Jeder hat versucht zu helfen, aber so richtig koordinieren war echt schwierig. Da ging es um Zuständigkeiten, Bürokratien, Gelder und vieles mehr. Ich konnte da meine Erfahrung gut einbringen, denn ich bin schon seit sehr langer Zeit beim Kreisjugendring engagiert. So habe ich mir das alles erst mal zeigen lassen, was die vielen Helfer alles schon auf die Beine gestellt haben und konnte dann gezielt den Helfern vor Ort den Rücken frei halten, in dem ich die ganzen Organisation, Geldangelegenheiten und bürokratischen Dinge erledigt habe.

mainstationMünchen ist einigen Belangen wirklich einzigartig und ein Beispiel aus der Zeit zeigt das sehr eindrücklich: Es wurden Helfer-Sprecher gewählt. Ganz demokratisch haben sich einige Personen aufstellen lassen und haben erklärt, warum sie für den Job geeignet sind. Das Spektrum der gewählten Sprecher ging von einem Antifa-Anhänger bis zu einem ehemaligen Nato-Offizier. Die beiden nebeneinander zu wählen diente einfach der Sache, weil sie am geeignetsten für den Job waren. Aber in anderen Städten wäre das nicht möglich. 

Ich war sehr lange nur bekannt als die “Frau mit dem falschen Schuhwerk”, denn auch wenn ich nicht eitel bin, so liebe ich meine Highheels. Es hat auch einige Zeit gebraucht, bis dann alle kapiert haben, dass ich auch in den Dingern genauso viele Stufen laufen kann, wie alle anderen. Aber nach einer Weile habe sogar ich mein einziges paar Turnschuhe rausgekramt und hab die Highheels für eine Weile zu Hause gelassen.

Zur heißesten Phase lag auf einmal meine Großmutter im Sterben. So bin ich jeden Tag einige Stunden an den Hauptbahnhof gegangen, habe dort koordiniert und geholfen und bin danach gleich ins Krankenhaus. Auch wenn ich vielleicht nicht so viel Zeit an sich bei meiner Großmutter verbracht habe, so war es doch für uns beide eine sehr intensive Zeit, denn ich habe ihr alles erzählt, was hier passiert und sie war sehr stolz auf mich. Vor allem hat es ihr auch die Angst genommen, dass ich als studierte Philosophin doch noch meinen Platz im Leben finden werde. Aber sie war einfach froh, dass sie die Werte doch weitergeben konnte, die ihr wichtig waren. Schließlich ist sie ja auch aus der Kriegsgeneration.

Das ist auch wohl das, was viele hier übersehen: sehr viele Ausländer hier sind aus Krisengebieten und haben den Krieg selber erlebt: aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afghanistan, Syrien und und und. Wir hier in München sind die Stadt mit dem größten Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund – aber eben auch dem größten Anteil an Durchmischung. Natürlich gibt es die Landwehrstraße, die schon immer arabisch war. Aber so richtige Ghettos gibt es nicht. Aber wir haben auch die beste Integration. Bei uns arbeiten die Menschen nicht mehr in der Dönerbude, in der viele die Menschen so gerne sehen und es immer hochheben, wie “multikulti” sie sind. Über Berlin will ich da lieber echt nicht sprechen. Denn bei uns hier arbeiten diese Menschen nämlich jetzt bei BMW schon und haben sich ihren Traum vom besseren Leben wirklich umgesetzt.

München finde ich deswegen so faszinieren, denn es ist eigentlich eine sehr religiöse Stadt. Aber niemand wird hier eine Religion gedrängt, sondern es gibt hier eher einen regen inter-religiösen Diskurs. Jeder zollt der anderen Religion Respekt und in keinem Bundesland werden so viele Gelder freigegeben, um eben halt auch den griechischen Tanzverein oder ähnliches zu ermöglichen.

Es gibt zum Beispiel einfach keine lustigere und ausgelassenere Veranstaltung als den bayrisch-griechischen Freundschaftsabend. Alle kommen in ihren Trachten, es werden Brezen mit Tzatziki gegessen und die unterschiedlichsten Musikrichtungen gespielt zum Tanzen. Das ist wahre Integration und Zusammenleben.

Ich sehe auch, dass wir noch einiges vor uns haben. Vor allem in diesem wichtigen Bundestagswahljahr. Gerade mit dem Kreisjugendring arbeiten wir da viele Kampagnen und Konzepte aus, denn es geht jetzt darum, nicht immer gegen irgendwas zu sein, sondern auch mal wieder eigene Akzente zu setzen. Gerade haben wir eine Kampagne gemacht und uns Begriffe rausgesucht, die eigentlich für Vielfältigkeit und Demokratie stehen, aber inzwischen von den Rechtspopulisten komplett für sich beansprucht werden. Wie steht es denn mit den Begriffen wie Europa, Heimat, Tradition, Wahrheit, Freiheit? Das sind Begriffe, die auch in anderen Kulturen so wichtig sind und auf einmal werden sie von Rechten “missbraucht”. Wie soll sich denn ein Grieche fühlen, wenn er die Begriffe Heimat und Tradition nicht mehr gebrauchen kann, weil die Nazis sich dieser angenommen haben? Das sollten wir den Menschen wieder zurückgeben.

Ich selber habe mich bisher immer überparteilich engagiert. Es war eher im Gegenteil der Fall, dass wir alle Parteien immer überzeugen mussten, wenn wir etwas umsetzen wollten. Für mich standen die Vereine eher für Organisationen, in denen wir Veränderungen vorantreiben können. Gerade habe ich mich doch noch mal hinreißen lassen und bin eine Partei eingetreten. Es ist allerdings mein zweiter Testballon, denn beim ersten Mal bin ich wieder ausgetreten und habe lieber wieder wirklich was bewegt, wo es um die Sache ging. Ich bin gespannt, wie es diesmal wird.”


“At the beginning I was still working part time in shop for delicatessen food. I kept this job alive for a while but one day it was just enough. I just came back from the main station to start my shift to help people who just arrived: we calmed them down, we accompanied them, we gave them water, we guided them to mother-children corners, wie helped them to find their way to their camps through the city with some warning vests one because the police just did not have enough people and everybody was helping voluntarily with everything they could give. It was kind of chaotic in a way and people were even fighting for water because they were just so desperate and exhausted. So after that shift at the main station I came into the delicatessen shop I had a customer who complained that the foam on top of her Latte Macchiato was not well done enough and would like to have it replaced. After that I stoped my job at the shop.

My boss was really reacting very friendly. He said: if this is the part I can contribute to leave you and help there, then everything is fine. But most people got reactions like that. Most people were supported by their employers who gave them some free time, let them go earlier or who took over their shifts. It is important not to forget that behind those 3 to 4 thousand helpers in Munich are at least the same amount of people who supported the helpers: through their assistance as parents, husbands and wives, partners, employers etc. The most impressive example for this is that one of the helpers canceled his honeymoon and preferred helping here.

At that time everyone was at their limits: police, aid organizations, fire department, we volunteers. Everybody wanted to help but coordinating was really difficult. There were competencies, bureaucracies, money and a lot more. I was able to contribute all my experiences since I am engaged in the Kreisjugendring for years already. That’s why I they showed me around in the first place what was already installed by other helpers and then I was able to keep their backs free from all the organizational, financial and bureaucracy stuff.

Munich is pretty unique in some aspects and one really good example from that time is showing this quite impressively: They elected some speakers for the helpers. Very democratic they placed some candidates and those explained why they would be the best for that job. The range of people who got elected went from an Antifa supporter to a former Nato organizer. To elect both side by side was just helping the matters because they were the best for the job. In other cities this would not be possible.

A funny part was the reaction of the police: they wondered a lot about us. We had round about 200 people sitting at the steps for 2 to 3 hours discussing the best way and after that everything was working out well: we had team leaders, speaker, press representatives, rules and everything you needed. In the end all organizations came to us and asked for our support. In the meantime thy ask me to give speeches to explain what we actually did there because all organizations for crisis management were already at their limits.

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